Tischler Zeitschrift Madera – Kolumne

Tischler Zeitschrift Madera - Kolumne

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Von Stefan Kröll

 

Es gibt Schreinerbetriebe, die werden
nach Paris gerufen, um dort für eine arabische
Prinzessin ein Penthouse auszubauen. Einige
fahren nach Moskau und realisieren dort die
Träumereien eines Oligarchen. Wieder andere
reisen einfach nach Grünwald und helfen einem
Investmentbanker, seine Einkommen in Holz
zu formen. Alles in Ordnung!
Noch einmal spannender war der Ausflug
eines Schreinergesellen der Schreinerei Ranftl
(Name von der Redaktion geändert) in das
nahe gelegene Bezirkskrankenhaus. Wie schon
beschrieben, es gibt jede Menge interessante
und auch schwierige Einsatzorte für den
Schreiner, brisant ist jedoch die Montage einer
Fensterbank in der geschlossenen Abteilung
einer Psychiatrie.
Der Chef hatte seinem pflichtbewussten
Gesellen zwar gesagt, er müsse im Krankenhaus
montieren, den genauen Einsatzort jedoch
wohlweislich verschwiegen. Sicher, die
„Geschlossene“ in einer Psychiatrie ist nicht
automatisch ein Ort, in dem sich gewaltbereite
Menschen und gefährlich verwirrte Mitbürger
zwangsweise aufhalten. Diese Einrichtung
ist Therapie und Schutz zugleich. Dennoch
beschleicht uns beim Gedanken, dort arbeiten
zu müssen ein gewisses Unbehagen.
Der Schreinergeselle wird von einem jungen
Mann, wohl ein Azubi oder ein sogenannter
„Bufdi“, abgeholt. Er bringt unseren Schreiner
zur Pforte der Geschlossenen. Ein seltsam
langer Fußmarsch, der an einer Glaskabine
mit Mikro-Öffnung endet. Erst beim Lesen
des Warnschildes „Eintritt nur in Begleitung
des Wachpersonals“ wird dem Schreiner klar,
wohin man ihn geschickt hat. Für kurze Zeit
kommt er sich mit seiner Fensterbank und der
Werkzeugkiste sehr merkwürdig vor. Irgendwie
zur falschen Zeit am falschen Ort.
Der Pförtner ist ein „Alter Hase“ im Geschäft
und hat diesen Laden sichtlich unter Kontrolle.
Nach jedem Satz ergänzt er ein „Alles klar, gar
kein Problem“ und füllt das Zutrittsformular
routiniert aus. Noch ein kurzer Kontrollblick
in die Werkzeugkiste und schon öffnet sich die
schwere Zugangstür. Eine zweite Tür lässt sich
erst aufstoßen, nachdem das Motorschloss der
ersten Tür eingerastet ist. Alles sehr bizarr. Der
Pförtner versichert dem sichtlich irritierten
Handwerker, dass derzeit alle Bewohner in
der Turnhalle seien und er ungestört seine
Arbeit erledigen könne. Das ist doch mal
eine gute Nachricht, die Nervösität beim
Gesellen lässt etwas nach. Er solle sich nach
   . der Montage einfach wieder dort melden. Zum
„Auschecken“.
Es ist still, doch jeder Handgriff beim Einpassen
der Fensterbank hallt bemerkenswert laut durch
die Räume. Nur selten dreht der Arbeiter seinen
Rücken zur Durchgangstür – das macht ihn
unsicher. Vier Stunden sind die Bewohner in
der Turnhalle. Das müsste reichen. Schon nach
knapp zwei Stunden ist alles erledigt. Schnell
noch das Werkzeug zusammengepackt und
dann: Rückzug.
An der Pforte angekommen, bemüht sich der
Schreinergeselle um eine gelassene Haltung.
War doch alles gar nicht so schlimm und
obendrein eine gute Geschichte für seine
Kumpels. Er klingelt wie vereinbart an der
Pförtnerschleuse. Merkwürdig viele Sekunden
verstreichen, bis das Schiebepaneel den Blick
auf den Pförtner frei gibt. Aha, denkt sich der
Geselle, ein neuer Pförtner in der Kabine. Es
war wohl Schichtwechsel. Dieser neue Pförtner
wirft einen gelangweilten Blick durchs Glas.
„Grüß Gott, ich bin der Schreiner, der die
Fensterbank dort an der Teeküche montiert
hat. Könnten Sie mich bitte rauslassen?“
Der Pförtner zieht einen Mundwinkel zu
einem leicht zynischen Grinsen nach hinten.
„Rauslassen – logisch!! Sonst no wos!!“ Dann
richtet er die Augen wieder auf seine Bild-
Zeitung. Der Schreiner vermutet zunächst einen
Spaß des Pförtners und wiederholt seine Bitte,
die Tür doch endlich zu öffnen. „Schreiner, des
konn ja jeder song.“ Erwiderte der Pförtner.
„Mia ham do herin sogar an Napoleon und an
Cesar im Programm. De san grod hinten beim
Turnen.“ Der Handwerker ist fassungslos. Das
kann doch wohl nicht wahr sein. Immer wieder
wiederholt er die tatsächlichen Umstände. Doch
dem Pförtner ist nicht mehr zu entlocken, als:
„Mei liaba Freind, jetzt gehst wieder hintre
zum Turnen!“ Erst nach zehn Minuten ist
der Pförtner verhandlungsbereit und gibt
dem Handwerker ein Handy, damit er seinen
„vermeintlichen“ Chef anrufen kann. Erst als
der Chef mit dem Pförtner ein paar klärende
Worte gewechselt hat, ist die Öffnung der Tür
nur noch Formsache.
Der Schreiner schleicht den langen Gang
entlang und dreht sich noch drei, vier Male
um. Das Ganze erscheint ihm noch immer
wie ein sehr bizarrer Albtraum, von dem
auch seine Kumpels nichts erfahren sollten.
Am Hauptausgang der Klinik lehnt der Bufdi
am Taxischild. „Na, Fensterbank erfolgreich
montiert?“ „Schnauze – du Blödmann“.